07.09.2010: „Kaltes Land“ im BTZ Walsrode:

Ein Plädoyer für solidarisches Verhalten

Außerdem werden viele Szenen einfühlsam durch Bob Dylans Songs untermalt.
Der Film, der auf dem Buch „Class Action“ basiert, beruht auf einer wahren Begebenheit.
„Ihr denkt, ihr seid taff, mit euren sauberen Fussböden und Mineralwasser?“

Dieser erste Satz, der in dem Film von Protagonistin Josey Aimes gesprochen wird, lässt zunächst vermuten, der Film behandle das Problem der immer weiter auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich. Zwar nimmt auch Armut im Film eine wichtige Rolle ein, doch der Augenmerk liegt hauptsächlich auf der Gleichberechtigung von Mann und Frau, die in diesem Film, der in den Vereinigten Staaten von vor nicht einmal 25 Jahren spielt, noch wie eine unerreichbare Zukunftsvision erscheint. Tatsächlich möchte die zweifache Mutter Josey nur dafür sorgen, dass sie an ihrem Arbeitsplatz, einer Eisenmine in Minnesota weder sexuellen Belästigungen und Beleidigungen ausgesetzt ist, noch fürchten muss, vergewaltigt zu werden.


Was ist sozial?

Die junge Josey Aimes hat erst in der jüngsten Zeit eine schwere Vergangenheit hinter sich gebracht, indem sie vor ihrem misshandelnden Ehemann flüchtete, doch auch in ihrer familiären Umgebung wird ihre schwierige Geschichte negativ aufgefasst. Die Nachrede von Verwandten und Bekannten bringen ihren Vater und sogar ihren Sohn dazu, sich für sie zu schämen und sich von ihr zu distanzieren. In dieser erdrückenden Situation, deren emotionale Intensität von Charlize Theron eindrücklich dargestellt wird, übt ihr Vater Druck auf die alleinerziehende Mutter aus, sich ein eigenes Haus zu suchen und sich angemessen um die Kinder zu kümmern. Vorraussetzung dafür ist natürlich, dass sie ihr Geld eigenständig verdienen kann. Früh im Film wird so auf den Zwang, sich in der Gesellschaft durch Arbeit zu profilieren, hingewiesen. Die Protagonistin findet sich jedoch in einem Widerspruch gefangen, da der einzige Beruf, der ihr das benötigte Geld verschafft, von ihrem Vater und allen anderen Männern unter Tage als „Männersache“ bezeichnet und jede Frau, die diesen Beruf ausübt, als Schande empfunden wird.
An diesem Punkt stellt sich für den Zuschauer die Frage „Was ist sozial?“ und „Ist wirklich jede Person, die nicht arbeitet, als asozial zu bezeichnen?“. Denn die Geschichte der Josey Aimes verdeutlicht, dass eine solche Kategorisierung und Stigmatisierung die Menschen dazu zwingt, unmenschliche Bürden auf sich zu nehmen und dass sie in den allermeisten Fällen überhaupt nicht zutreffend oder zielgerichtet ist.


Resignation oder Widerstand

Im alltäglichen Minenbetrieb wird Sexismus von Gewerkschaftsmitgliedern und
–vorsitzenden nicht nur geduldet, sondern sogar offen propagiert. Jede Frau, die sich nicht von den Männern entwürdigen und benutzen lässt, wird von diesen noch mehr diskreditiert, belästigt, gedemütigt und bedroht.
„Tragen sie´s wie ein Mann!“ ist die Antwort, die Josey auf eine Beschwerde bei ihrem Vorsitzenden erhält. Selbst ihre beste Freundin vertritt die Einstellung, man solle nicht rumheulen, weil das sei, was die Männer von einem erwarteten. Doch vernachlässigt diese Stellungnahme, dass sich die Situation durch eine bloße Hinnahme der herrschenden Zustände nicht verbessern lässt. In diesem Fall, wie auch in vielen anderen, ist die Angst der unter den Zuständen Leidenden zu groß, dass ihre Bemühungen durch Racheakte vergolten werden.
Und tatsächlich: Als Josey sich nach einer besonders aufdringlichen Belästigung in Verbindung mit einer Morddrohung an den Arbeitgeber und die männlichen Gewerkschaftsvorsitzenden wendet, wird sie vor die Entscheidung gestellt, entweder aufzuhören, sich über die menschenfeindliche Behandlung am Arbeitsplatz zu beschweren, oder entlassen zu werden.

Ein interessantes Stilmittel zur Verdeutlichung der Brisanz dieser Lage ist der immer wieder erfolgende Vorblick auf die Gerichtsverhandlungen, der dem Zuschauer zugleich nötiges Hintergrundwissen verschafft.


Warnung gegen Hetzer

An dieser Stelle werden gleichzeitig mehrere hochaktuelle Themen angesprochen: Die Problematik, sich gleichzeitig seinen Verdienst zu sichern und um die Kinder zu kümmern, die Problematik, dass manche Persönlichkeiten immer noch meinen, Arbeit und Kinderpflege sollten einer geschlechtlichen Trennung unterliegen ( z.B. Eva Hermann), und das Problem, mit dem sich jeder konfrontiert sieht, der versucht, die Interessen einer Minderheit (in diesem Fall die der Frauen im Betrieb) durchzusetzen: Nämlich das Durchbrechen einer Mauer des Schweigens, das Auflösen der Trägheit der großen Mehrheit innerhalb der Minderheit, die der Auffassung ist, man könne an den Zuständen ja sowieso nichts ändern. Dies wird im Film veranschaulicht durch das ablehnende Verhalten der anderen Arbeiterinnen gegenüber der „Krawallmacherin“ Josey, das Verhalten der Gewerkschaft, die sich entgegen der Bestimmungen des Gewerkschaftseids nicht für die Interessen aller Gewerkschaftsmitglieder, sondern nur für die der Männer einsetzt, aber auch im positiven Sinne durch die Entscheidung des Vaters Joseys, seine Tochter bei einer Gewerkschaftsversammlung öffentlich zu verteidigen und somit seine „Scham“ zu besiegen.

Erst die Sammelklage, also die Unterstützung Joseys durch mehrere andere Bergarbeiter/Innen ermöglicht den Erfolg des Einzelfalls, der aufgrund seiner Tragweite zum Präzedenzfall wurde. Somit ist der Film ein Plädoyer für solidarisches Verhalten, gleichzeitig aber auch eine Warnung an alle diejenigen, die versuchen, gegen Minderheiten zu hetzen, Minderheiten auszunutzen oder überhaupt Kategorien zu schaffen, die eine Einteilung in Mehr- und Minderheit möglich machen.
(sw)